Villen in Blasewitz

Die meisten und qualitativ wertvollsten Villen Dresdens haben sich in Blasewitz erhalten. Dieser im Osten am linken Elbufer gelegene Stadtteil wurde erst 1921 gegen den zähen Widerstand seiner reichen Bewohner zwangsweise eingemeindet. Die Bewohner hatten ihr ergiebiges Steueraufkommen nicht mit der ärmeren Hauptstadt teilen wollen (Blasewitz brachte 1900 37,82 RM pro Kopf auf, die Stadt Dresden 18,54 RM, die Arbeitervorstädte Löbtau 5,71 RM und Cotta 5,00 RM).

Blasewitz war ursprünglich ein slawischen Fischerdorf gewesen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich hier eine kleinere Schiffswerft, die längst verschwunden ist. Etwa ab 1860 entstanden die ersten Landhäuser und Villen. Die örtliche Bauregulative von 1863 und 1874 ermöglichten eine planvolle bauliche Entwicklung.

Bis auf wenige Ausnahmen, die erst die Bauordnung von 1880 gestattete, war offene Villenbebauung vorgeschrieben. Nur in der Ortsmitte, am heutigen Schillerplatz, wurden um die Jahrhundertwende viergeschossige Häuserzeilen errichtet. Um 1900 jedoch waren 1714 von 1774 Häusern Villen oder Landhäuser.

Blasewitz hatte wie Loschwitz, Strehlen oder der Weiße Hirsch kaum Kriegszerstörungen zu beklagen, und abgesehen vom allgemeinen Verfall bietet sich die Bausubstanz noch heute so dar wie zur Zeit der Eingemeindung - sie gehörte vollständig unter Denkmalschutz gestellt.

Auch der Villenvorort Loschwitz ging aus einem Dorf hervor, dessen Bewohner sich von Flußgewerbe, Landwirtschaft und Weinbau ernährten. Anders als Blasewitz war der Ort schon seit dem 17. Jahrhundert Sommerwohnsitz begüterter Dresdner Familien. Manche besaßen hier Weinberge, wie der Komponist Heinrich Schütz, der Architekt Wolf Caspar von Klengel und der Goldschmied Melchior Dinglinger, dessen Anwesen erhalten ist. Das Dorf mit seinen pittoresken Bauernhäusern bot, wie das benachbarte Wachwitz, durch seine Lage am Ufer des Stromes und am Fuße der Hügel die reinste Idylle. Mozart und Goethe besuchten hier den Konsistonalrat Gottfried Körner, den Vater des Freiheitsdichters Theodor Körner, Schiller war von 1785 bis 1787 bei ihm zu Gast. Die Künstler der Romantik fühlten sich von Loschwitz besonders angezogen.

geplante Anlagen des Schloß Albrechtsberg

geplante Anlagen des Schloß Albrechtsberg

Die Hochfläche über Dresden fällt bei Loschwitz steil zur Elbe hin ab. Hier stehen die anspruchsvollsten Privatbauten Dresdens: Schloß Albrechtsberg, Villa Stockhausen (»Lingnerschloß«) und Schloß Eckberg. Sie werden im Volksmund »die drei Albrechtschlösser« genannt, sind aber nichts anderes als großangelegte Villen. In Loschwitz war, bis auf den Körnerplatz, dem rechtselbigen Brückenkopf, offene Bebauung vorgeschrieben.

Schloß Eckberg

Schloß Eckberg

Nordwestlich von Loschwitz liegtder ehemalige Kurort Weißer Hirsch. Erst 1838 hatte sich hier eine kleine Landgemeinde konstituiert. In der zweiten Jahrhunderthälfte entwickelte sich eine Sommerfrische, ab 1874 wurde eine Villenkolonie angelegt. 1883 eröffnete der Arzt Heinrich Lahmann ein Sanatorium, das bald Weltruf erlangte. Auch im Weißen Hirsch waren, bis auf einige Ausnahmen, nur freistehende Einzelbauten zulässig.

Das ehemalige Dorf Striesen im Südwesten von Blasewitz und im Osten der Stadt war hingegen kein Villenvorort, sondern ein Arbeiterstadtteil, der bis heute überwiegend durch freistehende dreigeschossige Mietshäuser mit ausgebautem Dachgeschoß geprägt wird. Die Expansion des Dorfes und seine Umwandlung zum Wohn- und Industrievorort begann 1858; das Ortsstatut der Gemeinde von 1860 und der Bebauungsplan von 1872 sahen offene zwei- bis dreigeschossige Bebauung vor. Das Straßennetz wurde nach einem Rasterschema angelegt, das Striesen und dem vergleichbaren Löbtau im Westen oder Teilen von Pieschen im Nordwesten der Stadt noch heute eine gewisse Gleichförmigkeit verleiht. Doch wegen der Durchgrünung und der relativ weiten Gebäudeabstände wirken diese Stadtteile beinahe wie Vorläufer der Gartenstädte und ähneln im Vergleich zu den andernorts entstandenen baumlosen und lichtarmen Mietskasernen eher Villenvierteln.

Das große, alte und heute noch bestehende Dorf Strehlen im Südosten der Stadt wurde um 1850 zum Villenvorort. Es bot sich hierfür an, denn es lag in der Nähe der Stadt und des Großen Gartens, einer barocken Parkanlage. Das strenge Verbot gewerblicher Niederlassung sicherte Strehlen weit bis in dieses Jahrhundert hinein den Charakter eines wohlhabenden Wohnviertels.

Auch der Villenvorort Plauen im Süden der Stadt war aus einem sorbischen Dorf hervorgegangen. Obwohl sich um 1850 einige Industrieunternehmen ansiedelten, erschloß 1872 die Aktiengesellschaft DresdenWestend das Gelände zwischen Würzburger und Kaitzer Straße für eine gehobene Villenbebauung.

Innerhalb des Dresdner Stadtgebietes, in der früheren Seevorstadt, einem Gebiet südlich der Altstadt und der Bürgerwiese und nördlich des späteren Hauptbahnhofes sowie der Eisenbahntrasse nach Prag, begann die bauliche Erschließung 1847 mit der Anlage der Lüttichaustraße, bis 1851 folgten die Lindengasse, die Räcknitz-, Mosczinsky-, Struve- und Prager Straße, 1858 die Wiener Straße. Dies war das vornehmste Viertel jener Zeit. Heute ist das Englische Viertel nach Kriegszerstörungen vom Erdboden getilgt, und lediglich eine einzige Villa erinnert an die ehemals bevorzugte Wohnlage.

Das Schweizer Viertel, das Villengebiet südwestlich des Hauptbahnhofes, entstand ab 1855. Zuerst legte man die Wieland- und die Hohe Straße an, 1856 Kaitzer und Schweizer Straße, 1868 kamen Bernhard- und Lindenaustraße hinzu, 1871 schließlich die Reichsstraße, die in geschlossener Bauweise errichtet werden durfte.

Eine lebhafte Bautätigkeit regte sich seit Ende der fünfziger Jahre auch rechts der Elbe im Osten der Antonstadt, wie die Stadterweiterung im Nordosten der Neustadt genannt wurde. Um die 1857 angelegte Forststraße sowie zwischen dieser und der entlang der Elbe führenden heutigen Bautzner Straße entstand ein Wohnviertel, das nicht ganz den gleichen gesellschaftlichen Rang wie das Villenquartier bei der Bürgerwiese für sich in Anspruch nehmen durfte:

das Preußische Viertel, so genannt nach den hier zahlreicher als anderswo ansässigen preußischen Familien. Hier sind einige Villen mit ihren schönen Gärten zur Elbe hin erhalten geblieben, oft allerdings im Stadium fortgeschrittenen Verfalls.

1897 trat für die Stadt Dresden eine Straßenbauordnung in Kraft, die es gestattete, einen einheitlichen Bebauungsplan festzustellen. Die Bauordnung der Stadt von 1905 legte Baufluchtlinien fest und stimmte weitere Bauzonen für offene und geschlossene Bebauung, wies Gewerbegebiete aus und verbot damit für bestimmte Stadtteile jegliche gewerbliche Ansiedlung. Inzwischen waren viele der Vororte, meist ehemalige Dörfer, eingemeindet worden (Strehlen und Striesen 1 892, Pieschen und Trachenberge 1897, Räcknitz, Zschertnitz, Seidnitz, Plauen, Löbtau, Trachau, Cotta, Naußlitz, Wölfnitz, Mickten, Kaditz und Übigau 1902). Die strengeren, durchgebildeteren stadtplanerischen Vorstellungen galten in einem ausgedehnten Siedlungsgebiet, in dem 1900 ungefähr 640000 Menschen wohnten. Damals war Dresden die viertgrößte deutsche Stadt. Diese Bauordnung blieb bis 1945 in Kraft. Dank ihrer Bestimmungen gelang es, das städtebauliche Gesamtkunstwerk Dresden zu bewahren, bis es in den Luftangriffen des 13. und 14. Februar 1945 in weiten Bereichen völlig zerstört und in anderen zumindest beschädigt wurde.

In den Jahren des "real existierenden Sozialismus" nahm das, was von der alten Stadt übriggeblieben war, weiteren Schaden durch Vernachlässigung, Beseitigung des Wiederherstellbaren und durch einen zuerst zwar um Einfühlung bemühten, dann aber immer öder und geistloser werdenden Neubau. Glücklicherweise hatten die Luftangriffe die peripheren Stadtgebiete größtenteils verschont, damit auch die Villenviertel im Osten und Südosten.

Nachstehend können Sie einige der schönsten Blasewitzer Villen bewundern. Sie spiegeln den Repräsentationswillen der Bauherren und die Geschicklichkeit der Baumeister der Jahrundertwende 19./20. Jahrhundert wieder.

 

Villa Illgen Architekt Martin Pietzsch 1891

Villa Illgen Architekt Martin Pietzsch 1891
Loschwitzer Straße 37

Vogesenweg 4 Architekt Max Pocharsky

Vogesenweg 4 Architekt Max Pocharsky

Villa am Blasewitzer Waldpark

Villa am Blasewitzer Waldpark

Diese in bevorzugter Lage am Blasewitzer Waldpark errichtete Villa ist für Dresdener Verhältnisse fast überladen geschmückt, verschiedenfarbigen Steinmaterial, Zierziegel, Sandsteinreliefs und naturalistische Köpfe in den Schlußsteinen, Fachwerkimitationen und aufwendige Kunstschmiedearbeiten.

Das "Löwenkopfpalais" an der Ecke Voglerstraße/ Niederwaldstraße

Das "Löwenkopfpalais" an der Ecke Voglerstraße/ Niederwaldstraße

Kunstvoll gestaltete Fassade

Kunstvoll gestaltete Fassade

 

Eine Fassade mit Jugendstilelementen

Eine Fassade mit Jugendstilelementen

Ein Klinkerbau mit Dachgarten

Ein Klinkerbau mit Dachgarten

 

JGL 31.12.2002