Geschichte der Umgebung von Blasewitz

Ergebnisse heimatkundlicher Bestandsaufname (Stand 1985)

Weißer Hirsch

Die Besiedlung des Weißen Hirsches begann, als der Oberküchenmeister GEORG ERNST VON DÖLAU 1664 auf einem ,,wüsten Platz", an dem 1572 eine Bierschenke gestanden hatte, einen Weinberg mit einem Winzerhaus anlegte. Darin errichtete der kurfürstliche Kapellmeister CHRISTOPH BERNHARD, ein Schüler von HEINRICH SCHÜTZ, ein Haus, das er Zum Weißen Hirsch nannte und für das er 1688 das Schankrecht erhielt. In der Nähe des Gutes befand sich seit 1685 die Lohschenke, 1733 Zum Weißen Adler umbenannt. Unter dem Oberlandweinmeister HEINRICH Roos wurde der Weiße Hirsch neu erbaut (Mittelteil des Kurhauses) .1769-1802 stand südlich davon eine holländische Windmühle. Um 1775 ließen sich hier auch Häusler nieder, die von 1838 an eine eigene Landgemeinde bildeten.

Nach 1856 entstand gegenüber dem Gut ein Gasthof, dessen Nachfolgebau das heutige Parkhotel ist, 1867 daneben das Fridabad. Nach der Stillegung der Gutswirtschaft entwickelte sich der Weiße Hirsch zunächst zur Sommerfrische. Für den Ausbau des Ortes und für die Gestaltung des Waldparks wurde MAX LUDWIG KÜNTZELMANN bedeutungsvoll, der 1874 das Gut kaufte, das Herrenhaus zum Kurhaus erweiterte und auf seinem Gelände eine Villenkolonie anlegte. Nach seinem Tode 1881 wurde ihm ein Denkstein mit einem von HEINRICH SCHNAUDER gestalteten Bronzerelief, Bautzner Landstraße/Ecke Luboldtstraße, gesetzt. 1883 eröffnete der junge Arzt Dr. HEINRICH LAHMANN im Fridabad ein Sanatorium, das bald Weltruf erlangte. 1905 hatte es gegen 4000 Kurgäste. Im Stechgrund befinden sich die Schwesternquelle, früher wurde hier Osterwasser geholt, und die Degelquelle.

Der größte Teil vom Weißen Hirsch breitet sich südlich der Bautzner Landstraße aus. Die ältesten Villen, teilweise als Mietzinshäuser gebaut, säumen Luboldtstraße und Rißweg, von dem aus ostwärts bis zum Anfang Bühlaus an der Eibauer Straße sich die Häuser an den zur Grundstraße abfallenden Hängen bereits auf Loschwitzer Flur befinden. An der Kurparkstraße entstand 1876 die heutige 59. POS Max Zimmering, 1889 an der Stangestraße eine evangelische Kapelle. Wesentlich aufwendigere Gebäude in vielfach ausgedehnten Gartenanlagen säumen Lahmannring, Küntzelmannstraße, Wolfshügelstraße und die auf Loschwitzer Gemarkung hinüberführenden Collenbuschstraße und Plattleite. An der Plattleite liegen die Gebäude des Forschungsinstituts Manfred von Ardenne. Die Fahrstraße dorthin endet am berühmten Luisenhof, wegen seiner Aussicht Balkon Dresdens genannt. Den früheren Kurortcharakter unterstreichen hier zahlreiche Fremdenheime.

Nördlich der Bautzner Landstraße durchziehen vielbegangene Wege den Kurpark mit seinem Konzertplatz und den Tennisplätzen. Weiter ostwärts führt die Straße Am Hochwald an der katholischen Kirche vorbei zum 1898 eingeweihten Waldfriedhof. Zwischen diesem und dem Krankenhaus an der Heinrich-Cotta-Straße breitet sich die jüngste Erweiterung des Weißen Hirsches mit meist Einfamilienhäusern aus.

Längs der Bautzner Landstraße geht der Weiße Hirsch ostwärts ohne spürbare Grenzen in das seit 1894 entstandene Villenviertel Neubühlau über.

Bühlau

besteht aus Oberdorf Mtbühlau (1349 Bele) an Quohrener Straße mit ehemals waldhufenartiger Gelängeflur, anschließendem Ortsteil Quohren (1365 Quorne) und Niederdorf Neubühlau um Bautzner Landstraße, davon in die Grundstraße hinein Adelig-Bühlau, nach der Ullersdorfer Straße die Amtsgemeinde als Förster- und Waldarbeitersiedlung. 1839 alle Gemeindeteile vereinigt. Im Kurhaus Bühlau, schon 1642 Schenke, am 7.4.1946 Vereinigung der Landes-leitungen von SPD und KPD zur SED auf Beschluß der Delegierten des Landes Sachsen

Rochwitz

besteht aus Oberrochwitz (1378 Rockewioz), Angerdorf als ehemaliges Zubehör des Rittergutes Helfenberg, und früherer Häuslersiedlung Niederrochwitz. Neurochwitz seit 1884 entstanden.

 

Nordöstliche Vororte an der Elbe

Von Loschwitz aus wird die hart an den Höhenrand herantretende Elbe von alten Dörfern begleitet, die alle durch den Weinbau, teilweise durch die Fischerei und Schiffahrt auf dem Strom und im späteren Gang der Besiedlung wegen ihrer landschaftlichen Reize durch eine große Anzahl von Garten- und Villengrundstücken gekennzeichnet sind. Oberhalb von Loschwitz folgt über der Überschwemmungsaue der Elbe das schmale Band der Niederterrasse, der an der Ausmündung kurzer steiler Kerbtäler, wie Wachwitzgrund, Helfenberger Grund, Keppgrund, kleine, aber steile Schwemmfächer aufgesetzt sind, so daß die Pillnitzer Landstraße sich in stetigem Auf und Ab durch die dichte Bebauung schlängeln muß. Von Hosterwitz an verbreitert sich die Niederterrasse, so daß die ausgedehnten Wassergewinnungsanlagen Platz finden konnten und in Pillnitz neben dem Lustschloß und Schloßpark ausgedehnte agrare Anbauflächen auf dem Gelände des ehemaligen Kammerguts zur Verfügung stehen.

Loschwitz

hat sich aus einem in Elbnähe (Friedrich-Wieck-Straße) gelegenen Rundweiler zum Platzdorf mit abgetrennten Häuslergrundstücken entwickelt. Seine Flur reicht vom Waldschlößchen bis zum Wachwitzer Hohenberg und nordwärts bis zur Bautzner Landstraße zwischen Steglichstraße und Neugersdorfer Straße. Die Grundstraße gehört rechts bis Nr.84 (Ullrichstraße) und links bis Nr.137 (Säugrundweg) zu Loschwitz und liegt auf dem Steilabfall des Lausitzer Granodiorits, der unterhalb des 1862 erbauten Hafens am Körnerweg im Prallufer an den Strom herantritt. Das reich gegliederte Relief steigt von 105 m an der Mündung des Grundbaches, auch Trille genannt, bis zu 265 m gegen Wachwitz an. Der Burgberg ist ein spätslawischer Burgwall.

Urkundlich wird der Ort zuerst 1315 (Loscuicz = aso. Leute des Lozek) erwähnt Das im 13. Jh. gegründete Dresdner Maternihospital hatte von seinen Anfängen bis 1833 reichen Besitz in Loschwitz, darunter die Spittelberge zwischen Veilchenweg und Pillnitzer Landstraße. Außerdem besaßen auch die Altendresdner Augustinermönche, die Pirner Stadtkirche und weltliche Herren Weinberge an den Loschwitzer Hängen. Seit 1569 erfolgten auf der Hutung, an wüsten Flecken und im Loschwitzgrund Rodungen durch Förster und Forstknechte für die Anlage von Weingärten. Als 1680 die Pest zum letzten Mal Dresden heimsuchte, fanden viele begüterte Familien Zuflucht in den Weinbergen, wo sich Edelleute und wohlhabende Bürger Sommersitze geschaffen hatten, so der Kreuzkantor HEINRICH SCHÜTZ, der Oberlandbaumeister WOLF CASPAR VON KLENGEL, später auch der Goldschmied MELCHIOR DINGLINGER. Im 19. Jh. waren zahlreiche Künstler in Loschwitz ansässig oder weilten als Gäste dort.

Genannt seien die Maler GERHARD VON KÜGELGEN, AUGUST GRAHL, LUDWIG RICHTER, HERMANN PRELL, JULIUS HÜBNER, EDUARD LEONHARDI, HERMANN VOGEL, OSKAR ZWINTSCHER.

Durch die Lage am Strom drang oft Hochwasser bis an den Damm (Dammstraße, Körnerplatz) vor, so am 29.2.1784 und am 24.2.1799 mit hohem Eisgang, aus dem die Errettung zweier Menschen gelang - dargestellt von JOSEF HERMANN 1869 in einem Marmorrelief im Innern des Rundbaus auf der Friedrich-Wieck-Straße -, dann wieder am 31.3.1845 und am 7.9.1890. Auf den Hängen richteten Wolkenbrüche mehrfach schwere Verwüstungen an, besonders am 12.5.1844, am 17.6.1875 und am 12.6.1876.

Der Ackerbau blieb unbedeutend; es gab nur 2 Bauerngüter. Die meisten Einwohner waren arme Häusler, deren Anwesen über die kleinen Weinbergparzellen der Hänge verstreut lagen. 20 Häusler, die Loschwitzer Zwanziger, waren zum Transport des Jagdzeugs, zu Treiber- und anderen Diensten in den benachbarten Wäldern verpflichtet. Die Zwanzigerstraße hält die Erinnerung an sie aufrecht. Etwas gedrängter standen die Fachwerkhäuschen an der Grundstraße. Hier floß die Trille, ein heute kanalisierter Bach, der auf seinem 4,6 km langen Lauf 134 m Gefälle überwindet. 4 Mühlen, die Hentschelmühle (Rote Amsel), die Vettermühle (1840 mit Hochofen, darin Glasfabrik, Gold- und Silberschmelze, 1854 Chemische Fabrik Leonhardi, 1945 zerstört), die Hänsel-Mahl-und Schneidemühle, die Damm- oder Nudelmühle, sowie 3 auf Bühlauer Flur standen daran.

Bis 1838 unterschied man 3 Ortsteile: die Ratsgemeinde an der Elbe, die Amtsgemeinde vom Rietschelweg an den Grund hinauf und die Winzergemeinde auf den Hängen nach Wachwitz zu (Ratsstraße, Amtsstraße, Winzerstraße). Kurz vorher hatte der Dresdner Rat die Weinberge des Maternihospitals veräußern lassen: den Vorderberg über der Kirche, den Mittelberg mit dem Mittelkessel (Robert-Diez-Straße) und den Hausberg mit dem Winzerhaus (Calberlastraße). Als die Reblaus die Weinstöcke vernichtet hatte, fand die Winzerei ein Ende. Erinnerungen blieben erhalten in Form von Weinbergmauern, Winzerhäuschen, Bergstufen und Terrassen, Weinspalieren, der Weintraube als Schlußstein (Körnerweg 8 von 1808) und im Gemeindesiegel von 1697 oder der Winzersäule Veilchenweg 9). Die Weinberge waren schon im Laufe des 19. Jh. allmählich mit Landhäusern bebaut worden, und Loschwitz entwickelte sich in rascher Folge zum bevorzugten Villenort Dresdens. Auch als Kurort erlangte es einen Ruf durch die Gründung der Sanatorien von Dr. SIEGFRIED MÖLLER (1904, Alpenstraße) und von Dr. EUGEN WEIDNER (1918, Wachwitzer Höhenpark), die heute als Krankenhäuser dienen.

Der Verkehr zwischen Loschwitz und Dresden erfolgte über die Fähre, auf dem Stadtweg (Schillerstraße) oder auf der Ledergasse an der Elbe, dem heutigen Körnerweg. An Markttagen fuhren Kähne, Kaffer oder Käffer genannt, zur Stadt Die Pillnitzer Landstraße, erst kaum 3 m breit, wurde 1885 ausgebaut 1891~93 entstand die heutige Elbbrücke.

Die Loschwitzer Flur besitzt zahlreiche erwähnenswerte Einzelobjekte: Das erste Dresdner Wasserwerk Saloppe wurde 1871-75 durch den Ingenieur BERNHARD SALBACH und den Stadtbaurat THEODOR FRIEDRICH errichtet (Gedenktafeln am Gebäude). Um das Grundwasser der Elbtalweitung zu sammeln, wurde eine 1438 m lange Sickergalerie mit gußeisenien Sickerröhren im Schotter des Elbufers eingesenkt, dazu kamen später noch 57 Rohrbrunnen. Das Wasser wird in das Werk gehoben, gereinigt, aufbereitet und durch 2 Rohre von 650 mm Durchmesser zu den Hochbehätern am Fischhaus gedrückt, wohin auch eine 800-mm-Leitung des Wasserwerkes Hosterwitz führt. Vom Fischhaus gehen die Hauptleitungen des Stadtnetzes (750 mm Durchmesser) ab. Bis zur Eröffnung des Werkes Tolkewitz oblag die Wasserversorgung Dresdens der Saloppe allein.

Unterhalb der Saloppe mündet der Eisenbornbach durch die Öffnung einer Gartenmauer in die Elbe. Das Gartengrundstück gehörte dem einflußreichen Literaten THEODOR WINKLER, der unter dem Namen THEODOR HELL die ,,Abendzeitung" herausgab und das literarische Leben der Dresdner Biedermeierzeit beherrschte. 1848 erwarb es HEINRICH BROCKHAUS, dessen Vater den Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig gegründet hatte; von ihm stammen die Villa (Brockhausstraße) und die noch erhaltenen Reste der Gartenanlage.

Auf dem Platz eines zweistöckigen Landhauses, seit 1821 als Gaststätte nach semem ersten Besitzer, einem schottischen Lord, Findlaters Weinberg genannt,

ließ 1850-54 Prinz ALBRECHT VON PREUSSEN durch den preußischen Landbaumeister ADOLF LOHSE einen bemerkenswerten Bau des Berliner Spätklassizismus errichten; dieses stattliche dreigeschossige Schloß Albrechtsberg ist mit seinen beiden Flankentürmen symmetrisch angelegt und folgt dem Vorbild der Villa Medici in Rom als dem Grundtyp derartiger Gebäude. Es stebt mit seinen Terrassen auf einer 35 m hohen Düne und mußte deshalb durch kostspielige Gründungsmauern und Wasserstollen gesichert werden. 1930 wurde der schöne Park durch Wegeanlagen der Öffentlichkeit erschlossen, 1951 das Haus als Pionierpalast Walter Ulbricht für die Jungen Pioniere eingerichtet.

Neben diesem Schloß ließ Prinz ALBRECHT durch denselben Baumeister 1850 bis 1853 noch die Villa Stockhausen errichten, die 1891 von dem Nähmaschinenfabrikanten BRUNO NAUMANN (Firma Seidel und Naumann) und 1906 von KARL AUGUST LINGNER gekauft wurde. LINGNER war 1885 nach Dresden gekommen, begründete eine Reihe sozialer Einrichtungen Dresdens, so Kinderpoliklinik, Säuglingsheim, Desinfektionsanstalt, Schulzahnklinik sowie eine Lesehalle, führte die 1. Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 durch und stiftete das Hygienemuseum. In seinem Testament vermachte LINGNER das Schloß der Stadt Dresden als Volkserholungsstätte. Heute ist der Dresdner Klub des Kulturbundes der DDR der Hausherr. Am Fuß des Berghanges befindet sich das Mausoleum von LINGNER, ein kleiner Bau von ovalem Grundriß. Die Reliefs der Frauengestalten auf den Wandungen stammen von GEORG KOLBE.

An den Park dieses Lingnerschlosses grenzt Schloß Eckberg, wahrscheinlich auf dem Weinberg des Hofkapellmeisters HEINRICH SCHÜTZ gelegen. Der Großkaufmann JOHN DANIEL SOUCHAY ließ 1859-61 das burgartige Schloß im Tudorstil durch CHRISTIAN FRIEDRICH ARNOLD bauen.

Unter den kulturgeschichtlichen Erinnerungen, an bedeutende Künstler erwähnen wir einen Gedenkstein an den Oberlandbaumeister WOLP CASPAR VON KLENGEL in der Stützmauer unterhalb des Ausgangs des Heilstättenweges. Daneben befindet sich in der Mauer die Mündung des Stech(Mord-)grundbaches. Auf der östlichen Hangseite des Stechgrundbaches steht auf dem Grundstück Schevenstraße 59 das ehemalige Landhaus des Goldschmieds MELCHIOR DINGLINGER. Im Deckenspiegel des Saales des ersten Obergeschosses hat sich eine Wind- und Wetterose erhalten. Der Bildhauer JOSEF HERMANN ließ 1852 in dem alten Weinberg Schillerstraße 12 die Villa Thorwald bauen, die er nach seinem Lehrer, dem dänischen Meister BERTEL THORWALDSEN, nannte. Die in der Art eines normannischen Kastells gehaltene Villa Schillerstraße 4 wurde 1848-53, damals inmitten von Weinbergen, errichtet. Collenbuschstraße 4 war das Haus des dänischen Arbeiterdichters MARTIN ANDERSESON NEXÖ (1899 - 1954), seit 1951 Ehrenbürger der Stadt Dresden. 1958 wurde darin eine Gedenkstätte eingeweiht.

Der Jurist Dr. CHRISTIAN GOTTFRIED KÖRNER kaufte 1785 den Weinberg Könerweg 6. Hier gewährte er seinem Freund FRIEDRICH SCHILLER von 1785 bis 1787 Gastfreundschaft, der in dieser Zeit das ,,Lied an die Freude" schuf und oft in dem als Schillerhäuschen bekannten Gartenhaus (Schillerstraße 19) arbeitete, vor allem an ,,Don Carlos". Gelegentlich ließ sich SCHILLER über die Elbe setzten und besuchte das Blasewitzer Schenkgut. Im August 1790 weilte auch GOETHE im Körnerhaus.

Von der alten Loschwitzer Erbschenke ist nur noch ein Fachwerkhau, friedrich-Wieck-Straße 18, übriggeblieben, in dessen Gebälk die Jahreszahl 1648 eingeschnitzt ist. Am alten Fährgut, Friedrich-Wieck-Straße 45, erfolgte eine Erweiterung, wie uns die Inschrift von HB 1697 lehrt. Das Obergeschoß steht mit mächtigen Balkenköpfen 80 cm vor. Am Hause zeigen Wasserstandsmarken verschiedene Hochfluten an. Das Fährgut war zugleich ein Weingut; der Teilin dem die Weinpresse bis 1839 betrieben wurde, heißt Presse. Zu dem Anwesen gehört das eigentliche Fährhaus an der Elbe, ein Fachwerkhaus mit Mansardendach. Das Untergeschoß nahm bei Hochfluten die Fähre auf.

Friedrich-Wieck-Straße 10 steht das Sterbehaus des Leipziger Musikpädagogen FRIEDRICH WIECK (1785 - 1873), der nach der Verheiratung seiner Tochter CLARA mit ROBERT SCHUMANN nach Dresden zog. Andere Häuser der Friedrich-Wieck-Straße tragen Inschriften und berufsbedingte Symbole, so Nr.21 einen Anker.

Die Standseilbahn (545m lang, 95m Höhenunterschied = 17,5% Steigung, 1m Spurweite) wird seit dem 20.9.1895 betrieben, erst mit Dampfkraft, seit 1905 elektrisch. Durch Verwendung zahlreicher Batterien ist sie wie die Schwebebahn vom Stadtnetz fast unabhängig. An ihrer oberen Kopfstation entstand der Luisenhof.

Die_Schwebeseilbahn nach Oberloschwitz, die zweite Loschwitzer Bergbahn ist 280m lang und hat 84 m = 33% Steigung. Sie wurde am 6.5.1901 eröffnet. Die Eisenkonstruktion besteht aus 33 bis 13 m hohen Jochen, die, mit Ausnahme des sogenannten Ankerjoches, zum Temperaturausgleich beweglich gehalten sind.

Die beiden rückwärtig gelegenen Gebäude in der Roten Amsel, Grundstraße 26, sind von dem Landschaftsmaler und Tintenfabrikanten EDUARD LEONHARJDI l884 bzw. 1896 als Atelier-und Ausstellungsräume für seine eigenen Gemälde errichtet worden. An die Mühle erinnert noch ein Tisch mit einem Mühlstein als Platte. LEONHARDI war Schüler LUDWIG RICHTERS, der seit 1852 bis zu seinem Tod 1884 jeden Sommer nach Loschwitz kam. Im Garten daneben steht ein für ihn am 28.9.1884 enthülltes Denkmal. Das verwinkelte Haus Pillnitzer Landstraße 59 von 1897/98, das mit seinen Stilelementen zwischen

Historismus und Jugendstil steht, enthält 16 Künstlerwohnungen und -ateliers, von denen eines auch JOSEF HEGENBARTH nutzte. Einige der Maler fanden auf dem gegenüberliegenden Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Viele von diesen Gräbern sind mit wertvollen Denkmälern ausgestaltet.

Loschwitz war in die Frauenkirche eingepfarrt, bis 1704 der Ratszimmermeister GEORGE BÄHR den Auftrag erhielt, eine Kirche für das Dorf zu entwerfen. Am 29.6.1705 wurde der Grundstein gelegt, am 3.8.1708 der Bau ein geweiht Er war gleichsam eine Vorstufe der Dresdner Frauenkirche BÄHRS:

ein achteckiger Zentralbau mit abgewalmtem Mansardendach und einem Dachreiter. Die Kirche, hochwasserfrei an der Berglehne gelegen, wurde 1945 durch Bomben zerstört.

Schon 1668 bestand Loschwitz eine Schule, sie befand sich bis 1710 in einem 1892 abgebrochenen Haus nahe dem Dorfbach, von 1710 bis 1887 war sie in dem Haus Pillnitzer Landstraße 8, dann Nr.14 (1945 zerstört) untergebracht. 1909 wurde die Schillerschule, Fidelio-F.-Finkestraße 15, gebaut, die jetzige 62. POS.

 

Wachwitz

Ursprünglich Rundling (1350 Wachwicz) und zunächst den Wachwitzgrund aufwärts erweitert. Später Landhausbau an den Hängen auf parzellierten Weinbergsanlagen, seit 1928 auch Siedlungshäuser auf Hochplateau (Waldmüllerstraße), daneben 1969 der 252 m hohe Fernsehturm in Betrieb genommen.

 

Niederpoyritz

1414 Podegriczsch. Ehemaliges Rittergut in Eugen-Dieterich-Straße, heute als Fabrik genutzt. Weinberge auf Heidesandterrasse. 1894 Schulhausbau.

Hosterwitz

1406 Hostembricz. Sackgassendorf. Erster Ausbau am Keppbach, später an Dresdner Straße (mit Weberhaus Nr.44) auf Pillnitz zu. Kirche erstmals 1406 erwähnt. 1905 .08 Bau des Wasserwerks Hosterwitz.

 

Pillinitz

1335 Belenewitz, eine Bauern- und Fischersiedlung. Neben Gassendorf schon 1403 altes Schloß, mehrfach umgebaut und 1694 aus Hand der Grundherren (Familie von Bünau) an Landesherrn. Seit 1918 Schloß und Kammergut in Hand des Staates. Seit 1946 Ausstellungen der Staatlichen Kunstsammlungen in Schloßräumen. Kammergut 1948 in Volkeigentum.

 

Oberpoyritz

1378 Padegitz. Rundweiler mit Bauern und später auch Winzern. Anfangs Besitz der Burggrafen zu Dohna, seit 1587 Zubehör von Pillnitz.

Söbrigen

1378 Cebegrin. Ursprünglich wohl Fischerort anstelle der heutigen Siedelzeile unmittelbar am nördlichen Elbehochufer, dahinter Rundweiler Altsöbrigen. Kursächsisches Forsthaus Elbeweg 8. Intensiver Obst- und Gartenbau, beliebtes Naherholungsziel für Fußgänger und Wassersportler.

 

Der Osten bis Südosten

Der Osten Dresdens erstreckt sich auf der Altstädter Seite über die mehrere Kilometer breite Talweitung der Elbe. Sie wird aufgebaut von breitflächigen, vorwiegend sandigen bis sandig-lehmigen Teilen der Niederterrasse, durchschnitten von ehemaligen Elbarmen; deren flache Senken meist mit Aulehm ausgefüllt und vielfach grundfeucht sind, wenn auch Elbhochwasser nur noch äußerst selten diese alten Wege benützen. Die Talsandflächen der Niederterrasse sind alter Siedlungsraum, die Senken dazwischen blieben bis in die jüngste Zeit hinein unbebautes Grasland.

Der Südosten unterscheidet sich wesentlich von diesen Niederterrassenteilen der Talweitung, weil hier bei langsamem Anstieg des Geländes die alten Elbarme fehlen, als neues Landschaftselement jedoch die Abschwemmungsprodukte des Lösses den Boden überkleiden.

Die städtische Erschließung dieser Bereiche erfolgte zunächst von den alten Dorfkernen aus, wurde später aber völlig vom Wachstum der Großstadt bestimmt und vollzog sich dann vor allem längs der Ausfallstraßen. Im allgemeinen lassen sich aber die alten Siedlungskerne weiter stadtauswärts gut erkennen.

Ein schließlich geschlossenes Wohngebiet von Johannstadt und Striesen nach Tolkewitz und Laubegast entstand auf der breiten Elbeniederung in uneinheitlichem Wachstum; es umging zunächst Blasewitz und hatte längs des Stromes einen sandigen, streckenweise dünenbesetzten Waldstreifen zu berücksichtigen. Die zweite Stadterweiterung über Gruna, Seidnitz und Dobritz folgte der Bodenbacher Straße. Ihr Gepräge erhielt sie mit Schwerpunkt in Niedersedlitz durch die Industrialisierung, längs der "Böhmischen" Eisenbahn, während bis auf kleine Gewerbebetriebe an der Pirnaer Landstraße vorwiegend Arbeiter, schließlich auch in Großzschachwitz, Sporbitz und Meußlitz, ihren Wohnsitz nahmen. Der südöstliche Weg war die alte Dohnaische Straße am Rand der Talweitung entlang, wo das alte Kirchdorf Lockwitz über Jahrhunderte eine Vorrangstellung einnahm und noch in seiner heutigen Struktur die alte historische Verwurzelung gegenüber den jungen Industriegemeinden erkennen läßt. Auch in dieser Stadterweiterung spielte der Einfluß der Eisenbahn nach Pirna eine Rolle.

 

Striesen

Die Grenze der Striesener Flur verläuft gegen die Johannstadt ungefähr auf der Hutten-, Krenkel- und Heubnerstraße, im Süden, gegen Gruna, nördlich der Comenius-, Hepke- und Eibenstocker Straße, im N, gegen Blasewitz, nördlich der Otto-Galle-, Niederwald- und Teutoburgstraße. Im SW, zwischen Bergmann-, Schlüter- und Schandauer Straße, lagen bis zum Ende des 19. Jh. große Lehm- und Kiesgruben, die, seitdem sie wieder aufgefüllt sind, Kleingartenanlagen tragen. Auf Talsanden breitete sich im Osten das Tännicht aus. Schräg durch die Flur zieht sich von Altgruna nach Altstriesen und weiter nach Johannstadt ein breiter Aulehmstreifen, der einen ehemaligen Elbarm nachzeichnet. Ihm folgt der um 1300 zur Entwässerung und Verteidigung angelegte Landgraben. Er trennt die Ortsausbauten Neustriesens von dem alten Bauerndorf.

1445 gehörte Striesen dem Meißner Domstift. Im 16. Jh. standen 9 Hufen unter dem kuffürstlichen Amt, 14 unter dem Dresdner Religionsamt. Bei der Anlage des Großen Gartens und nochmals bei der Verlegung der Pirnaischen Landstraße verloren die Striesener Bauern einen Teil ihrer Flur. ,Striesen war ein armes Dorf mit vielen Häuslern. 1708 zählte es 69 selbständige Haushaltungen, davon 28 Bauern und Gärtner, 22 Tagelöhner, 9 Handwerker, 8 Häuslerwitwen und 2 Dresdner Röhrmeister. Bis 1768 führte die Pillnitzer Landstraße von der Geisingstraße ab durch das Dorf bis in die Nähe des Pohlandplatzes. Der Knick der Schandauer Straße dort erinnert noch heute an die Verlegung der Landstraße auf Veranlassung des sächsischen Hofes, der 1765 Pillnitz zur Sommerresidenz bestimmt hatte und das Dorf mit seinen engen Gassen umgehen wollte.

Von dem alten Platzdorf mit Vorwerk (1350 Stresen aso. Leute des Streza), das eine Gewannflur besaß, blieben nach dem Luftangriff vom 13.2.1945 nur 2 Häusleranwesen (Rosa-Menzer-Straße 3 und 7) und ein Fachwerkhaus (Merseburger Straße 17) erhalten, die 1980 leicht mehr vorhanden waren.

Mit dem Anwachsen Dresdens mit der Mitte des 19. Jh. begann die Besiedlung der Steisener Feldflur, nicht im gleichmäßigen Fortschreiten von der Stadt aus, sondern unter Auslassung der Johannstadt. Von 1858 (Haus Teutoburgstraße 4) bis 1880 erfolgte in Mordwesten der Aufbau von Neustriesen zwischen Hutten- und Rosa-Menzer-Straße. Die von Nord nach Süd verlaufenden Straßen wurden zunächst mit Zahlen, die von West nach Ost verlaufenden mit Buchstaben bezeichnet. Das Ortsstatut der Gemeinde (1860) und der Bebauungsplan (1872) sahen für die Häuser 2 bis 3 Stockwerke und offene Bauweise vor.

Als 1874 die Bausperre für Johannstadt fiel, verlegten die dort ansässigen Gärtner ihre Betriebe zunächst nach Striesen, das um 1890 mehr als 50 große Kunst- und Handelsgärtnerreihen zählte. Berühmt waren ihre Züchtungen von Azaleen, Kamelien, Eriken und Rododendren. Die meisten lagen auf dem besten Ackerland an der Borsberg- und Geisingstraße, solche für Spezialkulturen auch auf dem Sandboden des Tännichts. Als nach der Einverleibung Striesens (1892) das Gartenland bebaut werden sollte, wanderten die Gärtner weiter ostwärts. So verlegte J. HERMANN SEIDEL seine Anlagen nach Laubegast; von hier aus gründete sein Sohn RUDOLF 1897 die bekannten Rhododendronpflanzungen von Grüngräbchen bei Schwepnitz, Kreis Kamenz. Andere Gärtner gingen nach Tolkewitz, Reick, Leuben und Dobritz. 1910 waren alle Gärtnereien an der Borsbergstraße verschwunden. Am längsten hielten sie sich an der Geisingstraße.

Um 1890 war Striesen noch nicht mit dem großstädtischen Häusermeer verschmolzen; erst um 1900 war die Baulücke im N zwischen Blasewitzer und Dürerstraße geschlossen. Mittlerweile hatte sich Neustriesen weiter nach Osten entwickelt. Es war um 188o bereits in das Tännicht vorgedrungen. Gab es auch 1898 dort noch größere Waldparzellen, so war um 1900 das nördliche Striesen bis nach Blasewitz überall mit Wohnhäusern besetzt, oft mit Fabrikanlagen in den Hintergebäuden. Die Grenze gegen Blasewitz ist heute noch deutlich an der plötzlichen Verbreiterung der Straßen auf Striesener Seite zu erkennen.

Die Erlöserkirche an der Wittenberger, Ecke Paul-Gerhardt-Straße entstand für die Nachfahren böhmischer Exulanten, die ihre Gottesdienste seit 165o in der alten Johanniskirche gehalten hatten, bis diese 186o wegen Baufälligkeit geschlossen wurde. Für den Neubau wählten sie, die ein erhebliches Kirchenvermögen besaßen, den neuen Standort wohl mit Rücksicht auf die zahlreichen Exulantenfamilien unter den Striesener Gärtnern. Sie ließen durch den Architekten LUDWIG MÖCKEL den Bau in neugotischen Formen errichten und benannten ihn bei der Weihe 188o in Erinnerung an ihre Prager Salvator- (Erlöser-) Kirche. Infolge der stürmischen Bevölkerungszunahme erbaute die Striesener Gemeinde 1905-09 noch die Versöhnungskirche, bei der sich Jugendstilelemente mit romanisierenden mischen (Architekten GUSTAV RUMPEL und ARTHUR KRUTZSCH). Da die Industrialisierung eine starke Zuwanderung auch von Katholiken brachte, wurde 1905 die Herz-Jesu-Kirche errichtet.

Das erste Striesener Schulhaus bestand seit 1839 am Landgraben (Nr.3, 1945 zerstört) auch die zweite Schule von 1869 in der Tittmannstraße fiel dem Bombenangriff zum Opfer.

Der 1874 eingeweihte Schulbau Wartburgstraße 23 beherbegt heute die Betriebsleitung des VEB Technische Gebäudeausrüstung. 1886 entstand die jetzige 51. POS Rosa Menzer, Rosa-Menzer-Straße 24, 1892 die POS Ernst Thälmann am Pohlandplatz. Die 24. POS Johannes R. Becher, Haydnstraße 49, wurde von Stadtbaurat HANS ERLWEIN erbaut und 1907 eröffnet, zum ersten Mal für Dresden mit 2 Turnhallen und einer Dachterrasse sowie einem Schulbrausebad, Kochlehrküche und Handfertigkeitsräumen. Die Kreuzschule fand nach 1945 ein Unterkommen in dem 1897-99 im gotisierenden Stil erbauten Freimaurerinstitut Eisenacher Straße 21.

Im Südwesten der Striesener Flur lag um die Jahrhundertwende noch kilometerweit freies Land, das nach 1900 und nach dem ersten Weltkrieg zum Großen Garten hin mit meist geschlossenen Häuserfronten (Mittelpunkt Johannes-R.-BecherPlatz) bebaut wurde. Im Osten ließen sich weltbekannte Betriebe der Leichtindustrie Foto-, Zigaretten-, Kartonagen-, Kunstdruckfertigung - an der Schandauer Straße nieder und stießen an der Glashütter und Bärensteiner Straße in freies Land vor.

Der Teilbetrieb des VEB Pentacon an der Schandauer Straße ist aus einer Tischlerei von HEINRICH ERNEMANN hervorgegangen, die zunächst im Hintergebäude Güterbahnhofstraße 10 begonnen hatte, mit 6 Arbeitern Kameras herzustellen (später Pirnaische Straße 16). Der Betrieb entwickelte sich so rasch, daß ERNEMANN 1897 eine große Fabrik Schandauer Straße 48 errichten ließ. 1913 wurde nach Entwürfen von RICHARD MÜLLER und RUDOLF HOEGG ein Neubau mit Überbrückung der Junghansstraße begonnen, der 1923 mit dem bekannten hohen Kuppelturm abgeschlossen wurde, dem Wahrzeichen des östlichen Dresdens. 1926 fand unter der Führung von Carl Zeiß Jena und anderer optischer Betriebe die Verschmelzung der Ernemann-Werke mit der Ica (Schandauer Straße 76) unter dem Namen Zeiß Ikon, heute Kombinat VEB Pentacon, statt.

Das jetzige Fotopapierwerk des VEB Filmfabrik Wolfen gehört zum Striesener Industriebezirk, liegt aber auf Grunaer Flur (Bärensteiner Straße 31). Die 1898 gegründete Rheinische Emulsionspapierfabrik hatte ihre Produktion 1904 von Köln-Ehrenfeld nach Dresden verlegt und nannte sich seit 1913 Mimosa.

Dresden, in günstiger Verkehrslage zur Eisenbahnstrecke aus den Balkanländern, war Hauptsitz des ostdeutschen Orienttabakhandels und wichtiger Standort der deutschen Zigarettenindustrie. Noch bis 1900 war Johannstadt das Zentrum dieses Industriezweiges. Die Firma Jasmatzi wanderte aber in diesem Jahr nach Striesen in die neu erbaute Fabrik Schandauer Straße 68 und bezog den großen Bau Glashütter Straße 94. 1924 ging die Firma in den Besitz des Reemtsma-Konzerns über. Die Vertrustung, die in den folgenden Jahren fast alle Dresdner Zigarettenfabriken erfaßte brachte 1929 der Tabakbranche eine schwere Wirtschaftskrise. Der Neuerburg-Reemtsma-Konzern schaltete durch direkten Einkauf im Orient den Dresdner Tabakhandel in großem Umfang aus. Im Jahre 1900 war auch die Zigarettenfabrik von WILHELM LANDE von Halberstadt nach Dresden übergesiedelt und bezog 1912 das Gebäude der früheren Zigarettenmaschinenfabrik Junghansstraße 5. Beide Werke gehören heute zum VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden.

Durch den Bombenangriff vom Februar 1945 wurde der alte Ortskern Striesen mit den Glorialichtspielen, dem früheren Lokal Zum Sächsischen Prinzen, der Versammlungsstätte der Striesener Arbeiterklasse, deren Kampf sich mit Namen wie ROSA MENZER, OTTO GALLE und LENE GLATZER verbindet, vernichtet. Völlig zerstört wurden auch die Flächen an der Borsberg- und Schandauer Straße. Fast 8oo Häuser mit rund 7000 Wohnungen, Fabriken und Werkstätten fielen in Schutt und Asche. Das nordöstliche Wohngebiet, dessen Schäden geringer waren, mußte mehr Menschen aufnehmen, als vorher ganz Striesen zählte.

Der Wiederaufbau galt zuerst den Produktionsstätten, die schon bald viele Arbeitskräfte beschäftigten, so vor allem der VEB Pentacon an der Junghausstraße. Neue Industriebauten kamen hinzu, wie das 1962 erbaute Lagergebäude des Kontors für Maschinenerzeugnisse an der Spenerstraße.

Der Schwerpunkt des Aufbaus lag jedoch beim volkseigenen und genossenschaftlichen Wohnungsbau, der 1956 für das Gebiet Striesen vom Rat der Stadt beschlossen wurde. Striesen wurde zum ersten Großstandort auf dem der Großblockbauweise zum ersten Mal in Dresden entscheidender Anteil zukam. Nach und nach wurden die Flächen an der Holbein- und Müller-Berset-Straße bis zur Bergmann- und Eilenburger Straße bebaut. Dabei gelang mit dem ersten neu errichteten örtlichen Zentrum an der Borsbergstraße sowohl funktionell wie auch städtebaulich-architektonisch eine ansprechende Lösung. Am Ende der Ladenfluchten wurde dem Cafe Borsberg gegenüber eines der achtgeschossigen Häuser Dresdens, ein Appartementhaus, erbaut, das als Typ auch an anderen Stellen des Stadtgebietes wieder verwendet wurde. Die heranwachsenden Baumpflanzungen längs der Läden sollen der Borsbergstraße eine weitere reizvolle Note verleihen.

Tolkewitz

Die unbebaute Wiesenaue des Niedersedlitzer Flutgrabens gliedert die Flur von Tolkewitz in einen östlichen Teil, in dem das kleine Gassendorf zu suchen ist, und einen westlichen Teil, der Johannisfriedhof, Krematorium, Wasserwerk und neue Wohnviertel umfaßt. Das Dorf, 1350 als Tolkenwicz (aso. Leute des Tolkan) erwähnt, kam 1396 an das Kloster Altzella. Der Besitzer des Laubegaster Vorwerks Dürrhof, der Dresdner Bürgermeister LORENZ BUSMANN, stiftete 1398 Zinsen des Vorwerks der Kreuzkapelle. Die Kreuzkirche und nach der Reformation das Religionsamt des Rates übten die Lehnsherrschaft über einen großen Teil des Dorfes aus, bis es schließlich zu einem der 8 Ratsdörfer wurde. Da die Äcker, von Überschwemmungen bedroht, von Sanddünen durchzogen, von Kieferngebüsch unterbrochen, geringen Ertrag brachten, betrieben die Einwohner außer der Arbeit am Strom die Zwirnerei als Heimgewerbe. Bei dem Zwirner und Garnhändler CHRISTIAN GÄRTNER, der von Jugend an der Sternkunde ergeben war, sah der Bauernastronom JOHANN GEORG PALITZSCH aus Prohlis 1745 zum ersten Mal den Stemhimmel durch ein Fernrohr. Das Schleifen von optischen Linsen, das er in Leipzig erlernt hatte, und der Bau von Fernrohren machten GÄRTNER weithin bekannt.

In der Zeit der Romantik entdeckten die Dresdner die Schönheit der Landschaft um Tolkewitz. Der Kabinettsminister Graf VON LOEBEN legte im Jahre 1800 einen über 40 a großen Lustgarten mit einem zweigeschossigen Landhaus an (1813 durch Kriegshandlung zerstört), in dem GOTTFRIED HERDER zu Besuch weilte. Obwohl Tolkewitz einige Landhäuser besaß, blieb es im 19. Jh. ein Bauern- und Häuslerdorf, das 1873 von einer schweren Feuersbrunst heimgesucht wurde. Von Alttolkewitz sind heute noch einige kleine Häusleranwesen, so Nr. 16, 18 und 23, die Bauerngehöfte Nr.21 und 22 sowie der alte Dorfgasthof, der unter dem Namen Donaths Neue Welt (Nr.26) als ein vielbesuchtes Tanzetablissement galt, erhalten geblieben. 3 Bauern verlegten beim Wiederaufbau ihre Gehöfte in das damalige Tännicht. Aus dem einen Gut entstand 1893 eine Baumschule, das jetzige VEG Saatzucht-Baumschulen in der Kipsdorfer Straße. Auf dem Platz der beiden anderen stehen heute der Straßenbahnhof und das Krematorium.

Der benachbarte Johannisfriedhof wurde von den Gemeinden der Kreuz-, Frauen- und Johanniskirche mitten im Tännicht angelegt, am 16. 5. 1881 mit der von PAUL WALLOT als Zentralbau errichteten Kapelle eingeweiht und später erheblich erweitert. An die politische Geschichte Dresdens seit 1920 mahnen uns die vielen Opfer, die hier beigesetzt wurden: 22 Tote des Kapp-Putsches aus den Kämpfen des 19.3.1920 auf dem Postplatz und 8 Tote aus dem Keglerheim vom 25.1.1933; 396 im wesentlichen in den Jahren 1943-45 hingerichtete Widerstandskämpfer, 68 verstorbene KZ-Häftlinge. Im NW des Friedhofs befindet sich der Ehrenhain für die Opfer des Luftangriffs von 1945. Auf dem Johannisfriedhof hat auch eine große Zahl der fürDresdens Entwicklung seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. bedeutsamen Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter die Oberbürgernieister OTTO BEUTLER (1853 bis 1926), BERNHARD BLÜHER (1864-1938) und FRIEDRICH WILHELM PFOTENHAUER (1812-77), die Kammersängerin EVA PLASCHKE-VON DER OSTEN (1881 bis 1936), der Gründer des Museums für Volkskunst OSKAR SEYFFERT (1862 bis 1940), der Direktor der Gemäldegalerie KARL WOERMANN (1844-1933). 1908 kaufte der Rat der Stadt Dresden 3 ha Kiefernwald im Tännicht zur Anlage eines Krematoriums, einer der bedeutendsten Monumentalbaue Deutschlands am Anfang des 20. Jh., der nach dem Entwurf von FRITZ SCHUMACHER errichtet und 1911 eingeweiht wurde.

Gegenüber dem Friedhof entstanden Kranzbindereien und Bildhauerwerkstätten. Dazu gesellten sich seit 1894 von Striesen verlegte Gartenbaubetriebe. Aber noch um 1900 führte die Wehlener Straße zwischen Straßenbahnhof und Wasserwerk zum Teil auf beiden Seiten durch Wald. An der Wehlener Straße steht unweit des Flutgrabens ein Steinkreuz aus Sandstein.

Von 1900 bis 1905 verdreifachte sich die Einwohnerzahl vor allem durch das Anwachsen der neuen westlichen Ortsteile. In den zwanziger Jahren setzte hier auch das genossenschaftliche Bauen intensiv ein. Als erste entstanden seit 1925 insgesamt 96 Häuser mit rund 6oo Wohnungen.

Am Treffpunkt der Tolkewitzer mit der, Wehlener Straße, wo das Tännicht der Niederterrasse aufhört und das Schwemmland an der Mündung des alten Tolkewitzer Elbarmes (Flutgraben) beginnt, erwarb die Stadt 1891 Elbwiesen zur Anlage eines Wasserwerkes, des zweiten nach dem, Wasserwerk Saloppe. Nach Aufschüttung des hochwassergefährdeten Geländes wurde es 1896-98 gebaut und am 22.9.1898 eingeweiht. Auf den 35 ha großen Wiesen wurden über 30 Brunnen 15 m tief bis in den Grundwasserstrom innerhalb der pleistozänen Kies- und Sandschichten ejngesenkt. 2 Druckrohrleitungen von 700 mm Durchmesser führten das Wasser in 2 Hochbehälter von Räcknitz (166 m ü. NN). 1926 wurde das Fassungsgelände auf Leinpfadhöhe gebracht und eingeebnet, um die Zunahme des Keimgehalts bei Elbhochfluten herabzusetzen. Die Wasserversorgung Dresdens zwingt immer wieder dazu, die alten Wasserwerke zu modernisieren und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern.

1902 erhielt Tolkewitz eine eigene Schule, deren Gebände 1912 von Stadtbaurat HANS ERLWEIN erweitert wurde (44. POS). Seit 1951 besitzt Tolkewitz eine von WOLFGANG RAUDA entworfene Betlehemkirche. Es war der erste Kirchenneubau in der DDR nach 1945.

In den Planjahrfünften 1961/65 und 1966/70 entstanden an der Marienberger bzw. Altenberger Straße über 2000 Neubauwohnungen in Großblock- und Plattenbauweise mit den zugehörigen gesellschaftlichen Einrichtungen. Damit hat sich das geschlossene Stadtgebiet von dem Stadtring an der Güntzstraße über Striesen bis an den Tolkewitzer Flutgraben auf fast 5 km ausgedehnt.

Laubegast

1408 Lubegast. Zeilendorf an Elbe mit Fischer- und Bauernbevölkerung. 1501 Vorwerk Dürrhof und Elbfähre genannt. 1613-1765 Schiffsmühle in Betrieb.1899 Gründung der Schiffswerft. Erste Schule 1836. Seit 1893 Anlagen von Erwerbsgartenbau.

 

Zschieren

1242 Schirin. Älteste Häuslerzeile parallel zur Elbe (Elbstraße, Feldweg), wohl Fischerwohnplatz, nur 1 m über Stromspiegel gelegen und hochwassergefährdet (Großzschieren), Ortserweiterungen Kleinzschieren (straßendorfartig = Struppener Straße) und Trieske (Häuslergruppe). Ursprünglich Streifen- und Blockflur in lehmigem Auen- und sandigem Niederterrassenbereich. Neuere Wohnsiedlungen von Meußlitz und Kleinzschachwitz her.

Gruna

1370 Grunow (deutsch, Ort in der grünen Aue), früher ein Platzdorf mit Block-und Streifenflur, erstreckte sich von der Winterbergstraße bis an den Striesener Friedhof und die Wehlener Straße sowie vom Hepkeplatz bis an die Enderstraße. Es lag zwischen zwei Altwässern der Elbe. Flurnamen wie Alte Elbe, Blanschfeld (Planschfeld), Blanschwiese, Blanschgraben weisen darauf hin. Der südliche Arm zwischen Bodenbacher und Winterbergstraße führte zum Großen Garten und zur Bürgerwiese. Das nördliche Elbbett, heute noch stellenweise 2 m tiefer als seine Umgebung, ist bis zum Frauensteiner Platz von Gartenland eingenommen, wo man 1928 als Muster eine Dauerkleingartenanlage Alte Elbe gründete. In diesem Altwasser hatten die deutschen Siedler den schon 1309 bezeugten Landgraben angelegt. Er diente als Entwässerungsanlage für die Hänge um Leubnitz und Nickern, als Flutrinne, als Nutz- und Löschwasserkanal, aber auch als Landwehr. Er kam als Koitzschgraben von Leubnitz her und vereinigte sich zwischen Seidnitz und Gruna nahe der Reicker Gasanstalt mit dem Prohliser Landgraben.

Gruna unterstand im Mittelalter dem Meißner Hochstift, nach der Reformation dem Religionsamt des Dresdner Rates und dem kurfürstlichen Amt. Neben ihren 8½ Hufen Land um 1547 hatten die Bauern noch das Buschland von Praschütz erworben. Die kürzeste Verbindung nach Dresden war der Kirchsteig, die heutige Comeniusstraße. Bei der Anlage des Großen Gartens müßten die Grunaer 1678 einen großen Teil ihrer Felder abtreten und dann jahrelang auf Entschädigung warten. Zum Wiederaufbau des Dorfes nach dem Brand von 11.10.1813 einen Tag vor dem Abzug der französischen Besatzung erhielten die Bauern die Erlaubnis, Bausteine aus dem Großen Garten zu holen, dessen Mauer abgebrochen wurde.

Die Pirnaer Landstraße, schon 1315 erwähnt, wurde nach der Zerstörung der Burg Dohna 1402 die Hauptverbindung nach Böhmen. Sie führte vom Pirnaischen Platz als Pirnaische Straße zwischen Lingnerallee und Grunaer Straße und dann durch das Gebiet des späteren Großen Gartens hindurch zur heutigen Bodenbacher Straße. Das Steinkreuz im Großen Garten erinnert noch heute an den alten Verlauf der Straße.

Eine Brücke an der Kreuzung der Pirnaer (Bodenbacher) Straße mit dem Landgraben wird 1439 als ,,brucke bie Grunow" genannt. Eine Schmiede daneben, die bald auch Schankrecht und das Privileg des Gastierens, Ausspannens, Backens, Schlachtens und Branntweinbrennens erhielt, war die Grüne Wiese, die 1876 an die Zwinglistraße verlegt und 1945 zerstört wurde.

Im 19. Jh. bildete Gruna ein beliebtes Ausflugsziel für die Dresdner. Auch als Sommerfrische wurde es aufgesucht. 1862 hatten die Sommergäste für 1-3 Monate Aufenhalt 10 Groschen in die Armenkasse zu zahlen. Seit 1873 fuhr eine Pferdebahn vom Neumarkt ins Dorf. Als auch außerhalb des Ortskerns Wohnhäuser errichtet wurden, erließ die Gemeinde ihren ersten Bebauungsplan. Von 1867 bis 1890 stieg die Einwohnerzahl auf mehr als das Vierfache. Im Gegensatz zu Strehlen oder Blasewitz entwickelte sich Gruna aber nicht zum Villenort der Oberschicht; außer dem Parkhaus von JULIUS LUDWIG ROTHERMUND an der Stelle der alten Schmiede - 1945 durch Bomben zerstört, der Rothermundpark besteht noch - und dem Akazienhof überwogen als Neubauten schlichte Wohnhäuser. Bei der lebhaften Bautätigkeit im Ort und in Dresden fanden 2 Ziegeleien guten Absatz. Die eine lag zwischen Großem Garten und Zwinglistraße; ihre Grube wurde nach 1886 mit Schutt der abgebrochenen Badergasse aufgefüllt. Die andere befand sich nahe der Bergmannstraße. An der Bodenhacher Straße und nach Striesen zu entstanden Gärtnereien.

Gruna verlor seinen ländlichen Charakter nur alllnählich. Nach dem ersten Weltkrieg änderte sich aber besonders durch das genossenschaftliche Bauen das Ortsbild sehr rasch. Bestanden um 1900 noch drei Viertel der Flur aus Ackerland, so waren im Jahre 1938 drei Viertel des Bodens mit Häusern besetzt. Der Bauverein Gartenheim errichtete seit 1925 nach Plänen von PAUL BECK unter der Leitung von MAX OERTEL zwischen Junghansstraße und Landgraben eine kleine Gartenstadt mit mehr als 8oo Wohnungen. Andere Bauvereine legten 1924-28 über 100 Häuser östlich des Landgrabens sowie zahlreiche Häuserblocks im Norden der Flur an (Haenel-Clauß-Straße, Hepke-, Schlüterstraße. 1945 gab es noch 3 Bauerngehöfte; Gruna war Wohnviertel vorwiegend für Angestellte, Geschäftsleute und Arbeiter geworden.

Die erste, 1865 eingeweihte Grunaer Schule stand Bodenbacher Straße 29. 1884 wurde das Schulhaus vergrößert. Da es sich bald wieder als zu klein erwies, errichtete die Stadt Dresden nach einem Entwurf ERLWEINS den großen Bau der heutigen 5. POS Kurt Schlosser, Junghansstraße 15, der am 21.4.1914 bezogen wurde. Die 1892 eingeweihte Thomaskirche wurde nach schwerer Beschädigung durch Bomben schon 1950 wiederhergestellt.

Durch die Luftangriffe am 13./14.2.1945 wurden in Gruna vor allem das Gebiet des alten Ortskerus und die heute zum Stadtbezirk Mitte gehörenden Flächen um den Falkensteinplatz getroffen. Die Gunst der städtebaulichen Situation sowie die vorteilhaften Grundrisse der schwer beschädigten Wohngebäude waren Anlaß, mit deren Aufbau als Aktivistenwohnungen bereits 1949 zu beginnen. In den folgenden Jahren wurden im Gebiet der alten Elbaue Trümmer verkippt.

1975 wurde mit dem Aufbau eines größeren Wohnkomplexes am Standort des alten Ortskerns zwischen Zwinglistraße, Rothermundstraße und Volkspark begonnen. Dieser Wohnkomplex, dem ein örtliches Zentrum mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Einrichtungen zugeordnet ist, schließt die Ost-West-Magistrale hinter der Stübelallee durch eine Gruppe siebzehngeschossiger Hochhäuser als zugleich farbige Höhendominante ab.

Seidnitz

Die Flur von Seidnitz reicht im Süden ungefähr bis zur Eisenbahnlinie nach Pirna, im Westen bis an den Grunaer Landgraben, im N über den Altenberger Platz hinaus bis an die Wehlener Straße und im Osten bis zur Paracelsusstraße. Altseidnitz (1378 Syticz = aso. Leute des Zideta) liegt als Platzdorf zwischen zwei alten Elbarmen auf einer 115 m hohen, flachen Erhebung. Im südlichen Arm, zwischen Bodenbacher und Winterbergstraße, befand sich 1370 der See am Pirnischen Weg, bis 1898 breiteten sich dort die Seewiesen und der Seegraben mit offenem Wasser und Nistplätzen im Schilf für Wasservögel aus. Als nach Erbauung des Tolkewitzer Wasserwerkes das Grundwasser um 1 m sank, trockneten diese Tümpel aus. Das mittelalterliche Dorf besaß ein Vorwerk, von dem 1388 der Burggraf von Dohna dem Frauenkirchhof Zinsen stiftete. 1445 gehörte Seidnitz den MeißnerDomherren, 1546 kam es an das Religionsamt und Brückenamt des Dresdner Rats. Bei Errichtung des Ostra-Vorwerks wurden die Bauern mit Pflugdiensten belastet.

Zu einem ersten Schulhaus (Marienberger Straße 5), das 1876 eingerichtet wurde, kam 1898 ein zweites Gebäude (33. POS), als sich Seidnitz zur vorstädtischen Wohngemeinde zu entwickeln begann. Auf hiesiger Flur legte man 1891 die Pferderennbahn an. Um 1900 zählte Seidnitz 90 Häuser. Das ehemalige Spritzenhaus mit einer Inschrifttafel von 1765 blieb bis heute erhalten (Altseidnitz 2). Nach 1924 setzte eine rasche Bebauung ein, im wesentlichen auf genossenscnaftlicher Grundlage und vor allem südlich der Bodenbacher Straße. An der Einmündung der Marienberger in die Bodenbacher Straße steht ein Steinkreuz mit einer eingeritzten hirschfängerähnlichen Waffe.

Hatte Seidnitz bis zum ersten Weltkrieg industrielle Anlagen nur längs der Eisenbahn aufzuweisen, so erfuhr der Vorort in den sechziger Jahren eine wesentliche Umgestaltung durch große Betriebe des VEB Chemieanlagen südlich der Bodenbacher Straße und des VEB Robotron-Elektronik auf deren Nordseite. Durch diese Industriewerke und eine Vielzahl von Wohnungsbauten mit den zugehörigen Gemeinschaftseinrichtungen, zunächst in Großblockbauweise, nach 1970 mehr und mehr in Plattenbauweise errichtet und auf Standorte an der Bodenbacher und Liebstädter Straße sowie an der Marienberger Straße verteilt, erhielt Seidnitz ein völlig neues Gesicht.

Dobritz,

1378 Doberwicz (aso. Leute des Dobr), ist aus der Vereinigung des älteren Großdobritz, eines erweiterten Sackgassendorfes mit Blockflur, der Wüstung Lippen und Kleindobritz entstanden, einem Baueruweiler im 5 der Flur an dem alten Langen Weg von Seidnitz nach Nickern. Dobritz besitzt einige Gutshöfe im Osten (Altdobritz 2 und 3), Kleinhäuser mit Fachwerk (Altdobritz 15) auf der Westseite und schmalgiebelige Drescherhäuser an der Pirnaer Landstraße, so Nr.30, 32 und 34. Das ehemalige Vorwerk oder Stadtgut, Pirnaer Landstraße 38, wurde nach der demokratischen Bodenreform 1945 Zweigbetrieb des Volksgutes Pillnitz. Breitscheidstraße 1 steht ein altes Haus von Kleindobritz.

Das Dorf gehörte im Laufe der Zeit zunächst anteilweise verschiedenen Lehnsherren zu Bärenstein, Rottwerndorf und Borthen, dem Rat zu Pirna und dem Dresdner Religionsamt. Seit 1582 übten die Bünaus zu Weesenstein bis Anfang des 19. Jh. die Erbgerichtsbarkeit über Großdobritz aus, das Religionsamt über Kleindobritz. Im 18. Jh. betrieben besonders die Häusler das Spinnen, Zwirnen und Strohflechten als Heimgewerbe. Erst Ende des 19. Jh. begann Dobritz sein bäuerliches Gepräge zu verlieren. Aus Striesen verdrängte Gärtner verlagerten ihre Betriebe hierher. Bis 1895 entstanden 7 große Gärtnereien, die später teilweise mit den Laubegaster Gartenbaubetrieben verschmolzen.

Dobritz wurde zunächst Wohngebiet für die Niedersedlitzer Industriearbeiter. Ihr Anteil stieg auf zwei Drittel der Bevölkerung. 1884 wurde das bedeutendste Industrieunternehmen des Ortes, eine Gardinenfabrik, gegründet, heute VEB Plauener Spitze, Breitscheidstraße 78/84. In dem volkstümlich kurz als Die Gardine bezeichneten Betrieb arbeiten überwiegend weibliche Beschäftigte, die 1909 aus 38 verschiedenen Orten kamen. Wohnungsbauvereine errichteten hauptsächlich nördlich der Breitscheidstraße 120 und zum Teil in Verbindung mit der Gardinenfabrik weitere 500 Wohnungen.

Dobritz erhielt 1883 eine eigene Schule, ein Neubau entstand 1908, ein Anbau folgte 1923. Die 67. POS wurde nach dem Lehrer und Reichstagsabgeordneten ERNST SCHNELLER benannt, den die Faschisten 1944 im KZ Sachsenhausen ermordeten.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der industrielle Sektor stark gefördert, so durch Rekonstruktion der Gardinenfabrik des VEB Plauener Spitze oder durch den Neubau für den VEB Schokopack (Schokoladen- und Verpackungsmaschinen) auf einem bisher unbebauten Standort an der Breitscheidstraße in den Jahren 1957-64. Sein Hochhaus bildet in der Weite des Elbtals einen weithin sichtbaren Orientierungspunkt. Im Zusammenhang mit der industriellen Entwicklung machte sich für den Berufsverkehr ein Haltepunkt Dobritz des Stadt- und Vorortverkehrs der Reichsbahn erforderlich. Seit 1966 wurde auch der Wohnungsbau in größerem Umfang gefördert.

 

Quelle: Werte unserer Heimat Heimatkundliche Bestandsaufnahme 1985 Akademie-Verlag Berlin

JGL 2001