Geschichte von Blasewitz im Detail

Ergebnisse heimatkundlicher Bestandsaufname (Stand 1985)

Blasewitz nimmt insofern eine Sonderstellung unter den Dörfern im Dresdener Osten ein, als es sich viele Jahre gegen die Eingemeindung nach Dresden sträubte und erst 1921, als es schon ringsum von der Stadt umschlossen war, zwangsweise eingemeindet wurde.

Bis über die Mitte des 19. Jh. war die Flur von Blasewitz zum größten Teil Kiefernwald des Tännichts. Das Dorf an der Elbe, ein Rundweiler (1350 Blasenwicz = aso. Leute des Blažen) mit Gewannflur, stand auf einer kleinen Rodungsinsel und umfaßte zunächst wohl 6 Hufen. 1384 wurde der Dresdner Bürger PETER MÜNZMEISTER mit dem Ort belehnt. Wie alle sorbischen Dörfer war Blasewitz zur Lieferung des sogenannten Wachkorns verpflichtet, erst an die Burggrafen von Dohna, nach der Zerstörung der Burg Dohna an den Markgrafen. 1480 gelangte Blasewitz in die Hand der Kreuzkirche. Dadurch kamen die Bauern unter die Gerichtsbarkeit des Brückenamtes, das die Einkünfte zur Unterhaltung der Kreuzkirche und der Elbbrücke verwendete. Nach der Reformation ging die Erbgerichtsbarkeit über Blasewitz an das Altstädter Religionsamt über (bis 1832 bzw. 1851). 1618 gab es in Blasewitz schon 16 Besitzer. Bei einer genauen Ausmessung der Flur im Jahr 1709 bestand der bäuerliche Besitz neben Gärten und Wiesen aus rund 71 ha Ackerland, 78 ha Wald und 22 Weingärten mit zusammen 5 ha Fläche.

Der Schillerplatz war der alte Dorfplatz; an ihm steht heute noch der alte Gasthof (Nr. 11). Er war zunächst Jagdhaus, wurde aber 1683 als kurfürstliche Schenke erwähnt. Ein späterer Besitzer vergrößerte das Schenkgut durch ein Sommerschankhaus an der Elbe, den heutigen Schillergarten. Eine 1763 geborene Wirtstochter, JOHANNE JUSTINE SEGEDIN, diente SCHILLER als Vorbild für seine Gustel von Blasewitz, die er in "Wallensteins Lager" auftreten läßt. Für den Wirtshausgarten stiftete der Erfinder der Reklamesäule, der Berliner ERNST LITFASS (1816 - 74), einen Schillergedenkstein.

Im 19. Jh. nahm die Zahl der Sommergäste und der Landhäuser zu. Die Bauern verkauften ihre Acker- und Waldparzellen an Bauherren, die ihre Gebäude ins freie Feld oder ins Tännicht hineinsetzten. Die ältesten Häuschen an der Brucknerstraße stammen aus dieser Zeit. Das erste Bauregulativ von 1863, die Bemühungen des 1867 von ARTHUR WILIBALD KÖNIGSHEIM (gest. 1886) gegründeten Waldparkvereins und der Bebauungsplan von 1876 geboten dem wilden Bauen Einhalt, entwickelten Blasewitz zu einem planvoll angelegten Villenort der Oberschicht und erhielten den letzten Teil des Tännichts. Es ließen sich Fabrikbesitzer, Kommerzienräte, Konsuln, hohe Staatsbeamte und Offiziere, Wissenschaftler und Künstler nieder. Als beste Wohnlage galt die Gegend am Waldpark, der seine Entstehung (1874) dem Waldpärkverein verdankt. Starke Förderer waren A. W. KÖNIGSHEIM und sein Sohn JOHANNES A. E. KÖNIGSHEIM (gest. 1923>. Der Königsheimplatz erinnert heute noch an sie. Das Parkgelände ist 23 ha groß und war ursprünglich ein natürlicher Kiefernwald, der allmählich durch Laubholzpflanzungen in einen Mischwald verwandlt wurde.

In der Nähe entstanden um die Jahrhundertwende inmitten parkähnlicher Gärten große Villen nach Entwürfen solcher bekannter Dresdner Architekten wie KURT DIESTEL, JULIUS GRÄBNER, KONSTANTIN LIPSIUS, JOHANNES SCHILLING, RICHARD SCHLEINITZ oder der Blasewitzer Baumeister EMIL SCHERZ und EMIL WÄGNER. Die Bauordnung von 1880 gestattete auch geschlossene Häuserreihen, besonders am Schillerplatz, der dadurch seinen ländlichen Charakter allmählich verlor. Schon 1879 gab es dort keinen bäuerlichen Betrieb mehr. Um 1900 zählte man unter den 774 Häusern des Ortes 714 Villen.

Mit der Umwandlung des Dorfes in einen Villenort wurde 1863 die heutige Loschwitzer Straße auf 18 Ellen (über 10 m) verbreitert. Die erste Pferdebahn (1872) mit einem Fahrpreis von 2 Neugroschen, dem damaligen Stundenlohn eines gelernten Arbeiters, diente allein dem Ausflugs- und Vergnügungsverkehr der Wohlhabenden.

Nach Erlaß des Schulgesetzes von 1835 begann die Gemeinde, Mittel für ein eigenes Schulgebäude anzusammeln, das zugleich als Erinnerungsstätte für den Hofkapelirneister JOHANN GOTTLIEB NAUMANN (1741-1801, als Häuslersohn in Blasewitz geboren) gelten sollte, und legte zu dessen 100. Geburtstag am heutigen Schillerplatz den Grundstein zu einem Schulgebäude. Dieser Bau kam jedoch nicht zustande. Nachdem das Kapital der Naumann-Stiftung noch durch die Erträgnisse eines Konzertes von FRANZ LISZT 1844 erheblich vermehrt worden war, erfolgte die Errichtung einer Schule 1850/51 unter Verwendung eines Entwurfs von GOTTFRIED SEMPER aus dem Jahr 1844. Dieses spätere Gemeindeamt, ein kleiner neugotischer Bau mit einem Staffelgiebel, gehört heute zum Verwaltungskomplex des Rates des Stadtbezirks Dresden-Ost, Naumannstraße 5, dessen neueres Stadthaus nach Plänen des einheimischen Architekten EMIL SCHERZ vom Anfang des 20. Jh. stammt. Infolge der wachsenden Kinderzahl baute die Gemeinde 1876 ein zweites Schulhaus an der heutigen Wägnerstraße 9, das 1900 von SCHERZ erweitert wurde. Der Schule wurden 1903 Realgymnasialklassen angeschlossen, die 1908 in das Haus Kretschmerstraße 27 (heute EOS Martin Andersen Nexö, Spezialschule physikalisch-technischer Richtung) übersiedelten.

Viele Kinder der Blasewitzer Familien besuchten nicht die ,,einfache" Volksschule, sondern Privatschulen: ein Knaben-Lehr- und Erziehungsinstitut Loschwitzer Straße 34, eine Höhere Töchterschule Kretschmerstraße 13, eine Schule für Töchter höherer Stände Loschwitzer Straße 13. Als sich 1887 Blasewitz mit Neugruna als selbständige Parochie von der Kreuzkirche abzweigte, baute es sich 1893 auf dem Grundstück eines Gärtners nach dem Entwurf von E. SCHERZ seine, neugotische Heilig-Geist-Kirche.

Der Villenvorort widersetzte sich deshalb der Eingemeindung in die Großstadt, weil die maßgebenden Kreise eine Verringerung ihres Einflusses, dagegen aber höhere städtische Abgaben fürchteten. Das reiche Blasewitz, das fast keine Armenlasten zu tragen hatte, konnte an öffentlichen Einrichtungen mehr leisten als die Großstadt, obwohl der Steuerhebesatz kaum zwei Drittel vom Dresdner betrug. Während das Steuersoll im Jahre 1900 Durchschnitt je Kopf der Bevölkerung in Dresden bei 18,54 Mark lag, errechnete sich für Blasewitz ein Betrag von 37,92 Mark. Der Dresdner Rat versuchte, die Eingemeindung 1903 mit dem Beschluß durchzusetzen, Blasewitzer Kinder nicht mehr in Dresdner Schulen aufzunehmen. Blasewitz gründete daraufhin die eigene höhere Schule und blieb weiterhin selbständig.

Zu den beliebten Sportarten der begüterten Schichten gehörte das Rudern. In Blasewitz waren daher Rudervereine für Männer und für Frauen ansässig geworden. Sie richteten auch die Regattastrecke auf der Elbe ein, deren Ziel an der Regerstraße liegt. Heute sind die zerstörten Ruderanlagen wieder hergestellt, und der Rudersport, vertreten durch den Sportklub Einheit Dresden, hat seinen Hauptsitz in Blasewitz und ist international sehr erfolgreich. Auf den Elbwiesen unterhalb des Blauen Wunders zieht der Segelflugsport an Wochenenden viele Zuschauer an

Die Bombenangiiffe 1945 haben östlich des Schillerplatz und auch gegen Johannstadt zu Lücken gerissen. Öffentliche Gebäude wurden restauriert und durch Neubauten, so die Poliklinik Naumannstraße, ergänzt. Das einstige Ausflugsziel Blasewitz hat nach dem Ausbau der Elbuferstraße, des Käthe-Kollwitz-Ufers, starken Durchgangsverkehr nach den östlichen Vorstädten zu tragen und leitet am Schillerplatz außerdem den Verkehr zu den rechtselbischen Vorstädten über die Brücke. Diese war 1891-93 von Baurat CLAUS KÖPCKE als eiserne Hängebrücke errichtet worden, überspannte pfeilerlos die Elbe mit einer lichten Weite von 141,5 m und galt als technisches Wunderwerk; wegen des ersten Farbanstrichs wurde sie Blaues Wunder genannt. Die zunehmende Verkehrsbelastung forderte mehrfach Verbreiterungen, schwierige Aufgaben angesichts der Schwere der Konstruktion, die nur noch geringe zusätzliche Belastungen zuließ. Die beiden Fußgängerwege wurden erst 1935 außen angesetzt. Die Brücke mit einer Gesamtlänge von 270 m entging der Sprengung 1945 durch die Nazis dank des mutigen Einsatzes des Klempnermeisters ERICH STÖCKEL und des Telegrafenarbeiters PAUL ZICKLER, die die Zündkabel für die Sprengsätze zerschnitten 1957/58 erfolgte eine durchgreifende Erneuerung.

Neugruna

Zwischen Landgraben, Altenberger Straße und dem Johannisfriedhof lagen das Dorf Praschütz (1307 Praschytz aso. Leute eines Pravek oder Pravoš), vermutlich an der Kreuzung Schandauer / Ludwig-Hartmann-Straße, und das Vorwerk Grünpraschütz, die 1310 als wüst nachzuweisen sind. Die Bauern von Gruna und Seidnitz, wohl auch die von Striesen und Blasewitz, teilten sich in die Wüstung und nutzten die schmalen Flurteile als Bauernbusch. Als nach 1871 der Landgraben einen neuen Lauf erhielt und nach der Spohrstraße verlegt wurde, begannen Unternehmer sich für das Grunaer Tännicht zu interessieren, darunter der Musikkritiker LUDWIG HARTMANN, Sie erwarben Waldparzellen, teilten sie in Grundstücke auf und verkauften sie als Bauplätze, nachdem sie mit Hilfe der von ihnen begründeten Baugesellschaft Daheim 1876 fünf Straßen durch den Wald gelegt hatten. Neugruna wurde Wohnbezirk der Arbeitskräfte für die Striesener Industrie. Der alte Ziegelweg von Blasewitz nach Seidnitz, der das entstandene Straßennetz diagonal querte, mußte auf Anordnung der Amtshauptmannschaft 1896 ausgebaut werden und heißt seitdem Altenberger Straße.

Die Kinder Neugrunas besuchten die Blasewitzer Schule, bis 1876 der Dresdner Eierhändler JOSEPH TRAUBE in seinem Grundstück Tauscherstraße Klassenzimmer und Lehrerwohnung zur Verfügung stellte. Die anfangs zweiklassige Schule wuchs rasch an, blieb aber noch bis 1900 unzureichend in verschiedenen Mieträumen untergebracht: Im Hinterhaus Hofmannstraße 18, Altenberger Straße 19 und Tauscherstraße 16. 1907-09 errichtete der Stadtbaurat HANS ERLWEIN die heutige 32. POS Paul Gruner, Hofmannstraße 34.

JGL 2001